Review: Her Story (PC/Steam) – Keine Spoiler

5. Juli 2015
Review: Her Story (PC/Steam) – Keine Spoiler

Her Story ist ein einzigartiges, experimentelles Adventure, das den Spieler selbstständig, nur mithilfe von Verhörbändern, einen Mordfall lösen lässt. Ob das Experiment gelungen ist? Ihr erfahrt es im folgenden Testbericht. Die Review ist übrigens vollkommen spoilerfrei.

Ich hatte Her Story schon seit einigen Monaten auf dem Schirm, hauptsächlich weil es sich um ein Projekt von Sam Barlow handelt, der vor allem für seine Arbeit an Silent Hill: Shattered Memories bekannt ist. Als großer Silent Hill Fan und enthusiastischer Shattered Memories – Verteidiger, wurde ich natürlich sofort neugierig. Was ich dagegen nicht erwartet hatte war, dass Her Story schon kurz nach Release in aller Munde sein würde und noch für lange Zeit für angeregte Diskussionen sorgen würde.
Eine Review über Her Story zu schreiben ist gar nicht so leicht. Die Interaktionsmöglichkeiten mit dem Spiel bzw. die Gameplay-Elemente insgesamt, sind sehr gering gehalten. Ob ihr das Spiel mögt oder nicht, hängt von eurer Interpretation der Geschichte ab und genau deshalb werde ich auch mit keinem Wort auf diese eingehen. Wobei, ein paar Worte dann vielleicht doch:
Ihr seid eine Art Ermittler, der an einem alten Polizei-Computer sitzt und die Verhörbänder einer jungen Frau anseht, deren Mann vor kurzem ermordet wurde. Okay, mehr müsst ihr nicht wissen.
Was Her Story so besonders macht, ist seine einzigartige Form des nonlinearen Storytellings. Das Spiel besteht aus einem alten Desktop mit wenigen Ordnern und vielen, vielen Videodateien, die von 20 Sekunden bis zu anderthalb Minuten reichen können. In der Datenbank, auf die ihr einen eingeschränkten Gast-Zugriff habt, gibt es keine geordnete Übersicht aller Videodateien, keine Möglichkeit, sie nach Datum oder Uhrzeit zu ordnen oder irgendetwas anderes, das euch die Arbeit erleichtern würde. Stattdessen müsst ihr mit Stichwörtern arbeiten. Ihr gebt Begriffe ins Suchfenster ein und bis zu 5 Videodateien erscheinen, in denen dieser Begriff erwähnt wird.
Ihr könnt Videos mit eigenen Tags versehen und ihr könnt die wichtigen (jene die euch wichtig erscheinen) in einer Liste abspeichern, wo ihr sie leichter finden könnt. So gesehen, könnt ihr euch die Arbeit vielleicht doch etwas erleichtern, aber selbst auf diese Art werdet ihr nur schwer den Überblick behalten können.

 

Das herausstechende Merkmal und die Faszination von Her Story kommt aus der Offenheit des Spiels, der Möglichkeit und Notwendigkeit, eigenständig zu arbeiten. Keiner hält euch an der Hand, keiner hilft euch, die richtigen Videos zu finden. Die einzigen Hinweise die ihr bekommt, sind kleine Reflektionen auf dem Bildschirm, die sichtbar werden, solltet ihr einen wichtigen Teil des Puzzles offen gelegt haben. Euer Ziel ist es, so viele Videos wie möglich zu finden und vor allem jene zu finden, die alle wichtigen Hinweise zur Lösung des Falls enthalten.
Mir fällt kein Spiel ein, das direkt mit Her Story vergleichbar ist. Nichtsdestotrotz hat es mich zuweilen an Gone Home erinnert und natürlich an Barlows früheres Spiel Shattered Memories. Es ist aber nicht die Tatsache, dass Frauen in allen drei Spielen eine wichtige Rolle einnehmen, sondern die unheimliche und mysteriöse Atmosphäre, die zu diesen Vergleichen führt. Es ist die Tatsache, dass das Spiel euch zwingt, alles in eurem eigenen Kopf zusammenzusetzen, eure eigenen düsteren Gedanken in die Geschichte einzubringen und Vorahnungen zu entwickeln, die weit über das Gezeigte hinaus gehen. Nicht ohne Grund, wird die Geschichte von Her Story in Foren diskutiert und debattiert. Sie ist vielschichtig und faszinierend, aber eben stark von der eigenen Interpretation abhängig, davon wie viele Videos ihr gesehen habt und vor allem, in welcher Reihenfolge ihr sie gesehen habt. Schnell kann sich ein Gedanke festpflanzen, der so leicht nicht mehr abzuschütteln ist, selbst wenn spätere Videos womöglich in neue Richtungen deuten.
Apropos deuten – genug der Andeutungen! Falls euch Her Story interessiert, könnt ihr es zu einem niedrigen Preis bei Steam erwerben. Ein Spoilerpodcast in einer unserer späteren Episoden wäre durchaus denkbar.
Zuletzt noch zu den Kritikpunkten: Ein Spiel wie Her Story zu bewerten und auf Kritikpunkte hinzuweisen ist ziemlich schwierig. Das Konzept ist zu neu und bietet kaum Anhaltspunkte für Kritik. Die Schauspielleistung ist größtenteils überzeugend, die FMV Sequenzen sind insgesamt sehr gut produziert. Von Zeit zu Zeit wirken Szenen etwas überzogen und brechen mit dem allgemeinen Realismus-Anspruch des Spiels, aber das sticht kaum heraus.
Natürlich hätte das Projekt etwas ambitionierter ausfallen können. Theoretisch könnt ihr innerhalb von einer oder anderthalb Stunden zum Abspann gelangen und danach noch die restlichen Videos suchen. Für den Preis ist das angemessen, am Ende bleibt aber der Wunsch nach mehr.
Aber Her Story ist genau das was es sein will und das mit vollem Erfolg. Die Organisation der Stichwörter, die Verteilung der Hinweise, der gesamte Aufbau der Geschichte, müssen ein aufwendiges Vorhaben gewesen sein und verdienen dafür auch Lob. Wer jetzt denkt, dass ich statt einem Testbericht eher Werbung mache – es ist alles eine Frage der Interpretation.
Fazit: Her Story ist ein einzigartiges Projekt und deshalb auch schwer zu bewerten. Mich persönlich hat die Geschichte bewegt und immer wieder schockiert, während sich die Geschehnisse in meinem Kopf zu einem Gesamtbild zusammen gesetzt haben. Das Spiel hat mich sogar gegruselt und traurig werden lassen und bei jedem Erfolgserlebnis natürlich glücklich. Da es die Hauptaufgabe von Spielen ist, Emotionen beim Spieler auszulösen, sehe ich dieses Spiel als vollen Erfolg. – 90%

von Tony M

Rubriken: Blog, Review

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