Review: DAY OF THE TENTACLE – Remastered (PC)

21. März 2016
Review: DAY OF THE TENTACLE – Remastered (PC)

Das womöglich beste Lucas Arts Adventure und einer der größten Spieleklassiker “Day of the Tentacle” wurde komplett komplett überarbeitet und glänzt als Neuauflage mit vollkommen neugezeichneten Charakteren und Hintergründen. Wir haben uns zum allerersten Mal an das Adventure rund um machtgierige Tentakel gewagt und Klassiker mit Remaster verglichen. Alles nur Nostalgie oder immer noch ein Highlight? Das erfahrt ihr in der folgenden Review.

Richtig gelesen: ich habe noch nie zuvor Day of the Tentacle gespielt und ja, ich schäme mich ein wenig dafür. Das soll euch aber nicht schaden, denn nun kann ich euch einen vollkommen frischen Eindruck vom Adventure-Klassiker schlechthin geben und sowohl die Neuauflage, wie auch das Spiel selbst vollkommen fair bewerten.
Wie jedes gute Remaster und die bisherigen Lucas Arts Neuauflagen (Monkey Island, Grim Fandango),bietet Day of the Tentacle die Möglichkeit, jederzeit zwischen neuer und alter Grafik zu wechseln. Auch könnt ihr euch für ein bevorzugtes Gameplay-System entscheiden, doch dazu gleich mehr.
Während mir der neue Look von Monkey Island überhaupt nicht zusagte und Grim Fandango sowieso nur minimale Änderungen bot, wurde Day of the Tentacle nicht nur aufwendig, sondern auch zu meiner Zufriedenheit restauriert. Das Spiel schafft es, den alten Charme der ulkigen Charaktere und (sprichwörtlich) schrägen Hintergründe beizubehalten und dennoch sehr sehr anders auszusehen. Anders heißt hier nicht unbedingt besser. Die Qualität ist natürlich gestiegen, Texte und detaillierte Oberfläche (z.B. auf einem Kalender) lassen sich erst jetzt wirklich erkennen und die vielen kleinen Animationen sehen jetzt noch besser aus. Allerdings spielt Day of the Tentacle viel mit schrägen Perspektiven, komischen Architekturen und achtet nicht so sehr darauf, ob sich Charaktere entsprechend dieser Umgebungen korrekt durch die Umgebungen bewegen, was in der neuen Optik leider etwas negativer auffällt. Die neue Grafik betont also nicht nur die Stärken, sondern auch die Schwächen des Originals. In einem Fall war ein neugezeichneter Tisch sogar zu weit im Vordergrund platziert und verdeckte einen Charakter, der eigentlich (wie der Wechsel zur Original-Grafik zeigte) davor stehen muss.
Das sind jedoch nur minimale Beschwerden an einem ansonsten wunderbar aufpolierten Spiel und da ein Wechsel ja jederzeit möglich ist, kann jeder Spieler seine bevorzugte Grafik auswählen.
Ein weiterer Vorteil der Lucas Arts/ Double Fine Remasters sind übrigens die Audiokommentare, die im Bonusmenü aktiviert und dann per Druck auf A aktiviert werden können. Zu empfehlen ist das leider nicht, denn in zwei Momenten wurden die Audiokommentare automatisch während einer Zwischensequenz abgespielt und übertönten somit den Dialog innerhalb der Sequenz. Abbrechen nicht möglich. Hebt euch die Kommentare also lieber für einen zweiten Durchlauf auf, falls ihr ebenfalls Day of the Tentacle Neulinge sein solltet.
Geändert hat sich auch das Gameplay. Funktionierte Day of the Tentacle damals noch mit dem Lucas Arts-typischen SCUMM-System, das erstmals für den Vorgänger Maniac Mansion eingeführt wurde und bei dem ihr euch textadventure-mäßig Begriffe zusammengeklickt habt (“Benutze”, “Schlüssel”, mit “Tür”), verwendet das Remaster ein System, das eher an moderne Gewohnheiten angepasst ist. Ihr klickt auf Objekte oder Charaktere und wählt dann zwischen verschiedenen Symbolen (z.B. “Drücken”, “Ziehen”, “Öffnen”). Ebenfalls wie in modernen Adventures, ist euer Inventar versteckt und taucht erst auf, wenn ihr auf ein Symbol unten links klickt. Diese Änderungen führen dazu, dass ihr Day of the Tentacle nun im Vollbild spielen könnt, da zuvor Begriffe und Items den halben Bildschirm verdeckten.
Übrigens ist es auch hier möglich, jederzeit zu wechseln und beispielsweise altes Gameplay mit neuer Grafik oder umgekehrt zu kombinieren. Das neue System ist zwar angenehmer, das versteckte Inventar macht es jedoch deutlich schwerer, einen Überblick über die eigenen Items zu behalten. Denn ihr bekommt viele, viele Items im Verlauf des Spiels!
Den Vorgänger Maniac Mansion könnt ihr übrigens auch im Remastered an einem PC im Haus komplett spielen. Das ist nicht unbedingt notwendig, hilft aber dabei, den ein oder anderen Insider zu verstehen (ich sagen nur: Hamster und Mikrowelle). Ihr solltet euch allerdings darauf einstellen, dass Maniac Mansion noch wesentlich schwerer zu spielen ist, da ihr euch hier voll auf das Scumm-System einstellen müsst und keinerlei Hilfe erwarten dürft.
So viel zum Remaster, nun zu meinen Eindrücken vom Klassiker selbst:
Ich liebe Spiele, die an einem einzigen Ort stattfinden und diesen Ort bis zum letzten Zentimeter ausschöpfen und mit Rätseln füllen. Spiele wie beispielsweise die klassischen Resident Evils mit ihren vielen Rätseln und verschlossenen Türen oder eben Spiele wie Maniac Mansion und Day of the Tentacle. Bei letzterem spielt ihr nur in einer einzigen Villa, besucht diese aber gleich in drei verschiedenen Zeitebenen – die Gegenwart, die Gründungszeit und die ferne Zukunft. Das lila Tentakel hat aus dem Abwasser hinter Dr. Edisons Labor getrunken und plant nun die Welt zu beherrschen. Die drei Helden müssen das verhindern und werden unfreiwillig, dank der Zeitmaschinen von Dr. Ed in die besagten Zeitebenen geschickt. Zum Glück schaltet ihr die Charaktere erst nacheinander frei, denn bereit mit zwei von ihnen wird euer Aufwand um einiges größer. Ständig müsst ihr herausfinden, welches Item in welche Zeitebene gehört, es zum Chrono-John (so heißen die Zeitmaschinen) bringen und mit dem nächsten Charakter abholen. Schnell durch Bildschirme klicken ist nicht – die Charaktere laufen langsam und gemütlich und wenn ihr erst ein paar hin- und herlaufen musstet, um vergebens ein Item auszuprobieren, wird die Komplettlösung plötzlich zur attraktiven Alternative. Leider scheitert das Voranschreiten oft schon an dummen Kleinigkeiten, auf die man im schlimmsten Fall für mehrere Wochen nicht kommt. So hängt in einer einzigen Tür im Haus ein kleiner Schlüssel den ihr nicht übersehen dürft.
Kleiner Tipp: Solltet ihr einmal nicht wissen, was genau ihr gerade zu tun habt, könnt ihr euren Helden ein Selbstgespräch mit der toten Mumie führen lassen und er wird selbst auf die Idee kommen, was sein nächstes Ziel ist.
Day of the Tentacle stammt aus einer Zeit, in der man froh war, wenn ein Spiel allein für ein oder zwei Wochen unterhalten konnte und so kann man es ihm nur schwer vorwerfen, dass es den Spieler auch mal für einige Zeit an der Nase herumführt. Gehört ihr aber eher zur ungeduldigen Sorte, wird Day of the Tentacle eure Nerven mit seinen obskuren Rätseln auf die Probe stellen. Noch schwieriger macht es die Tatsache, dass Items, die ihr nicht mehr braucht, nicht automatisch verschwinden, außer es ergibt innerhalb der Welt Sinn. Ihr werdet die meisten Gegenstände also durch das komplette Spiel tragen, aber nur wenige davon mehrmals benutzen müssen.
Das klingt nun schlimmer als es eigentlich ist – das Spiel steckt so voller Ideen und jedes Rätsel ist so clever entworfen, dass die Mühen stets belohnt werden, denn am Ende ergibt eben doch alles irgendwie Sinn. Besonders viel Spaß hatte ich mit den Zeitreise-Elementen, denn manchmal müsst ihr etwas in der Vergangenheit “säen”, um es später in der Zukunft “ernten” zu können.Der Humor und die Gesamtstimmung, vor allem dank der Musik und den vielen schönen Animationen, sind die hervorstechendsten Stärken von Day of the Tentacle. Von kleinen Gags bis zu Witzen, die sich erst nach einer Zeit auszahlen ist alles dabei. Es ist eine Komödie in Spielform und macht selbst vor geschichtlichen Figuren keinen Halt. Die deutsche Vertonung ist so schlecht, dass sie schon wieder gut ist. Lavernes Sprecherin beispielsweise schafft es kaum einen Satz richtig zu betonen.
Leider funktioniert der 90er Humor heutzutage nicht mehr so gut und nicht alles was damals “cool” war wird euch heute noch mehr als ein wenig Fremdscham entlocken. Da hilft es auch nicht, dass Hoagie alle paar Sekunden rülpst, wenn ihr ihn mal etwas zu lange stehen lasst. Erstaunlicherweise funktioniert der Nerd Bernard noch immer am besten.Fazit: Day of the Tentacle ist zurecht ein Klassiker, dessen Cleverness und Humor auch heutzutage noch genauso gut funktionieren, wie damals. Fast jedes der vielen Rätsel ist raffiniert ausgedacht und die Zeitreise-Elemente tragen ihr übriges dazu bei. Nur die unzähligen Items können so einige Verwirrung stiften und wenn ihr erstmal Zugriff auf alle drei Zeitebenen habt, wird es nur noch komplizierter.
Die Remastered Version bringt viele sinnvolle Neuerungen und passt das Spiel an moderne Bedürfnisse an, ohne dabei zu weit vom Original abzuweichen. Day of the Tentacle ist ein absoluter Nostalgie-Trip, der es noch locker mit modernen Adventures aufnehmen kann. – 85%

Mehr über DotT Remastered verraten wir euch demnächst in PlayPointless Podcast Episode 57.

von Tony M

Rubriken: Blog, Review

Kommentare

  • Tony M. sagt:

    Nachdem ich nun einige Tage Abstand zu Day of the Tentacle habe und wir uns anderen Point and Click Adventures zugewandt haben (denn DotT hat mich wieder verdammt heißßßß auf das Genre gemacht), muss ich echt zugeben, dass ich das Spiel bereits vermisse und direkt Lust hätte, es noch einmal zu spielen. Ich blende dabei zwar die kleinen Sachen aus, die mich beim Spielen genervt haben, aber das Gesamtprodukt, die Kreativität bei den Rätseln und die Parodien auf die Gründerväter usw. usw. sind einfach sooo toll.

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